Presse zu "Hanns Kayser auf der Flucht" und "Prinzip Katamaran und andere Identitäten"

Artikel dieser Rubrik

  • Badische Zeitung: Innen drin war gar nichts rau "Hanns Kayser auf der Flucht" erzählt von einer lesbischen Liebe im 16. Jahrhundert.

    "Eine lesbische Liebe im 16. Jahrhundert – das ist doch der Knaller!" Mit wild zerzauster Perücke saust Schauspielerin Lena Drieschner als Sully Roecken ebenso angriffslustig wie energiegeladen über die malerische Natursteinbühne des Freiburger Peterhofkellers und fuchtelt dabei mit einem Papierbündel durch die Luft: Es sind Gerichtsakten, um 1986 ausgegraben von ihr, der Chronistin des feministischen Widerstands!
    Bis dahin ist im neuen Stück "Hanns Kayser auf der Flucht" des Theaterkollektivs Raumzeit noch alles historisch (Text: Jenny Warnecke, Nic Reitzenstein, Lena Drieschner). Nach dem Monolog "Prinzip Katamaran und andere Identitäten" geht es nun dank Förderung von Land und Stadt um das unglaubliche Leben der Schwarzwälderin Agatha Dietzschin, die nach dem Tod ihres Ehegatten als Mann verkleidet 1534 ein Leben als Wanderarbeiter beginnt. Auf dem Reuhof in Neudingen lernt sie Anna kennen – acht Jahre lang sind die beiden ein Paar. Aus Not? Aus Liebe? Hier setzt die Spurensuche der knapp einstündigen Inszenierung an, bei der Reitzenstein und Drieschner Regie führten. In Szene gesetzt wurde die Figur von Hanns alias Agatha schon bei der Bustour "Hin und Her" der feministischen Geschichtswerkstatt.

    Kaum hat Hanns seinen schweren Balken abgesetzt, da überfällt ihn die resolute Anna schon mit einem leidenschaftlichen Kuss. Noch kennt sie sein Geheimnis nicht, ist aber tief berührt von seiner Aura aus Melancholie und Paranoia. Nic Reitzenstein und Lena Drieschner erzählen abwechselnd vom Innenleben ihrer Figuren, von dieser außergewöhnlichen Ehe im kleinen Häuschen auf der Baar. "Raue Lebensumstände, aber innen drin war gar nichts rau", sagt Anna und ist glücklich mit ihrem Hanns, auch wenn er kauzig ist. Eine Beziehung auf Augenhöhe, fern patriarchaler Rollenzuschreibungen. Eine Utopie mit Abenteuerflair!

    Weil es so wahrscheinlich nicht gewesen ist im 16. Jahrhundert, fallen die beiden bald aus ihren Rollen, transportieren das Setting in die Gegenwart und sind schon mittendrin in wortgewaltigen Reflexionen und Transgender-Diskussionen. Das macht zwar Sinn, nimmt aber viel Raum und lässt die Zeitreise samt aufgebauter Atmosphäre fast verblassen. Immer wieder gibt es Brüche, werden Erzählebenen und Zeiten gewechselt – in Spannung gehalten wird das Ganze letztendlich vom großartigen Schauspiel, wissen die beiden langjährigen Ensemblemitglieder des Theater Freiburgs doch intensiv zu erzählen. Ein spannender und sehr lebendiger Blick ins Identitätsdickicht, auf der Grundlage historischer Fragmente.

    Rezension von M. Klötzer veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der BZ am Samstag, 7. Juli 2018.

  • Badische Zeitung: Wider die Zuschreibungen

    Vielfalt als Lebensprinzip – Das Freiburger Theaterkollektiv-Raumzeit spielte "Prinzip Katamaran" im Peterhofkeller.

    Sie nennen es, "das Prinzip Katamaran". Andere würden schlicht "unsere Welt" dazu sagen. Denn es beschreibt das, was wir kennen: Wer nicht Frau ist, ist Mann, wenn es nicht hell ist, ist es dunkel, wenn man nicht in den Himmel kommt, dann in die Hölle. Schade, dass wir nur diese beiden Möglichkeiten denken – wie wäre es mit ein wenig mehr Phantasie? Die hat Jenny Warnecke mit dem Theaterstück "Prinzip Katamaran" bewiesen, das jetzt im Freiburger Peterhofkeller aufgeführt wurde.

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    Schon der Name ist originell: Man kennt das Boot, das aus zwei Rümpfen besteht, die fest miteinander verbunden sind. Dazwischen ist Luft. Für Warnecke (Text), Nic* Reitzenstein (Schauspiel und Regie) und Burkhard Finckh (Livemusik und Geräusche) ist die Luft spannender als die Rümpfe: In dem einstündigen Monolog einer Figur, die sich den Geschlechterzuschreibungen verweigert, geht es darum, dieses Dazwischen mit Leben zu füllen.

    Nic* Reitzenstein (die ebenfalls "keine Lust auf Zuschreibungen" hat und daher das Sternchen an ihren Namen fügt) spielt auf einer lediglich mit ein paar Möbeln bestückten Bühne sehr eindrücklich das Kind, das sich in und mit der Vielfalt der Natur sehr wohl fühlt und nicht versteht, dass die Mutter unbedingt eine Tochter aus ihr machen will: Antonia Silberstein, die einen Rock trägt und eine Bluse! "Ich hatte eine eigene, fließende Ordnung der Dinge", sagt Antonia. In der Schule wird ihr Weltbild verkleinert auf das "Prinzip Katamaran". Dagegen wehrt sie sich: Und als ein "Duft- und Klangwesen" aus ihr eine Gnoi macht, freundet sie sich mit dieser neuen Identität an.

    Was nicht heißt, dass auch die Umwelt Gnoi akzeptiert. Vielmehr muss sie zahlreiche "Höllenkreise der Sozialisation" durchlaufen, Erstaunen, Ablehnung, sogar Gewalt erfahren, bis sie sich in der neuen Heimat wohl fühlt. Heimat: Das ist für Warnecke, Reitzenstein und Finckh, die in Freiburg das "Theaterkollektiv-Raumzeit" gegründet haben, keine territoriale Kategorie, sondern der Ort, "an dem sie sich verstanden fühlen und anwesend sein" können.

    Man könnte durchaus meinen, dass "Prinzip Katamaran" über eine Selbstbespiegelung nicht hinauskommt. Das ist jedoch keineswegs so. Der phantasievolle, poetische Text, das körperbetonte Spiel und die fein abgestimmte Akustik vereinigen sich zu einem künstlerischen Ausdruck, der Vielfalt als Lebensprinzip feiert. Das Publikum zeigte sich davon sehr angetan.

    H. Ossenberg in der Badischen Zeitung, 22. November 2016

  • Kulturjoker: Elegie für ein König-Innen-Reich

    Das „Prinzip Katamaran und andere Identitäten“ vom Theaterkollektiv RaumZeit

    Wann ist der Mensch ein Mann? Eine Frau? Oder eben einfach: MenschIn? Wer möchte behaupten, es gäbe nur zwei Geschlechter? Wer möchte
    ernsthaft bestreiten, dass nicht jedermann oder -frau mit mehr oder weniger Anteilen des jeweils anderen Geschlechts ausgestattet ist? So wie selbst
    hunderte Jahre nach Kopernikus noch immer stoisch geäußert wird, die Sonne ginge auf und unter – dabei weiß doch jedes Kind, dass die Erde sich
    dreht.

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    Genau, in Wahrheit sind die Übergänge fließend. So wären auch zwischen den Polen des männlichen und des weiblichen Prinzips unzählig viele
    weitere Geschlechter – „andere Identitäten“ sozusagen – anzusiedeln. Eigentlich… Sind sie aber nicht. Denn da hält das „Prinzip Katamaran“ seinen
    Riegel vor, das, wie sein Name schon sagt, aus nur zwei Polen besteht. Dazwischen: Nichts.
    Die karge Bühne ist in farbiges Licht getaucht. Bis auf ein Keyboard, zwei einander gegenübergestellte Stühle in der Mitte, einer Decke und ein
    Radio ist da nichts, das von der Handlung ablenken könnte. Handlung? Wir befinden uns in Katamaranien, jener unserer Gesellschaft also, die
    streng zwischen Mann und Frau, Tag und Nacht, Schwarz und Weiß unterscheidet. Dass es dazwischen nicht nichts gibt, das lehrt nun der
    einstündige eindringliche Monolog, der Nic Reitzenstein alias Antonia Silberstein durch „verschiedene Höllenkreise der Sozialisation“ führt, um am
    Ende als Zwischenwesen Gnoi zu sich selbst zu finden.
    Wer allerdings genau hinhört, wird nicht ZeugIn ihrer äußeren gesellschaftlichen Adaption, als vielmehr ihrerbis inneren Überwindung des
    Selbstbildes von ihrem monomanen Ich hin zu – eben jenem Gnoi, das Antonia Silbertein zuvor nie sein durfte. Gnom-Boy hat man sie als Kind
    immer genannt, als Gnoi (griech.: Erkennen) hat sie nun endlich ihre innere Heimat gefunden, ihre Identität, ihr König-Innen-Reich. Sie hat gar
    keine andere Wahl. Da Katamaranien diese Identität für sie gar nicht vorgesehen hat, musste sie sich selbst erfinden.
    Auch wenn das rein inhaltlich schwer vorstellbar ist: Das Stück „Prinzip Katamaran und andere Identitäten“ ist ein überaus kurzweiliges Plädoyer
    für die feinen Unterschiede. Dies ist neben dem so entlarvenden wie poetischen Text (Jenny Warnecke) und den Soundeffekten (Musik / Mitspieler:
    Burkhard Finckh) in erster Linie dem brillant-intensiven Spiel Nic Reitzensteins (auch Regie) geschuldet. Ihr ist das Stück auf den Leib
    geschrieben. Wie eine gläserne Seele führt sie dem Publikum vor Augen, welch Zwistigkeiten sich im Inneren der Spezies MenschIn abspielen.
    Eine herrliche Mimin, die die dürftige Szenerie zusammenhält wie ein Gerüst, in dem sie sich unablässig kindlich-jung gebärdet und tobt, zirpt oder
    klagt, bis sie am Ende ihr König-Innen-Reich heraufbeschworen hat. Ein toller Auftakt des (aus diesen drei MenschInnen bestehenden)
    Theaterkollektivs RaumZeit mit erfrischend einfachen Mitteln.
    F. Zimmermann für den Kulturjoker Dezember 2016